Befestigungsanlagen auf Landkarte

Die Reste der Stadtmauer

Beschreibung

Der Status einer mittelalterlichen Stadt bemaß sich an ihren Befestigungen. Diese bezeugten ihren militärischen Rang  und führten dazu, daß die jeweilige Stadt einen wichtigen und starken Stützpunkt im Verteidigungssystem des Staates bildete.

Der erste Hinweis auf die Existenz von Stadtmauern in Posen findet sich in einer Urkunde von König Władysław Łokietek aus dem Jahr 1297. Es gilt als gesichert, daß der Bau der Mauer unter König Przemysł II. um 1275 begann. Die Gesamtlänge der Stadtmauer betrug 2.300 Schritte (1 Schritt = 75 cm); sie umschloß ein Stadtgebiet von etwa 21 ha. Die Höhe der  Mauer erreichte an manchen  Stellen 11 Meter. Zur Verstärkung der Mauer wurden etwa 35 Türme errichtet. Jeder dieser Türme hatte einen Namen, und diejenigen Türme, deren Verteidigung bestimmten Zünften anvertraut war, waren nach diesen benannt (Schneiderturm, Metzgerturm usw.) Andere Bezeichnungen waren von den Nutzern der Türme abgeleitet, z.B. der Dominikanerturm. Ins Stadtgebiet führten vier  Tore - das Wronkier Tor im Norden, das Große und das Wassertor von Osten, und das Breslauer Tor von Süden. Neben den Stadttoren gab es eine Reihe kleinerer Pforten nur für Fußgänger, die meist im 15. und 16. Jahrhundert in die Mauer geschlagen wurden. Bekannt sind auch die Entfernungen zwischen den Toren: vom Breslauer Tor zum Wassertor waren es etwa 400 Schritte, vom Wassertor zum Großen Tor etwa 200 Schritte und vom Großen Tor zum Wronkier Tor etwa 500 Schritte.

Die Fortentwicklung der Kriegstechnik brachte es mit sich, daß das Verteidigungssystem der Stadt mehrfach modernisiert wurde. Seine endgültige Gestalt erhielt es Anfang des 16. Jahrhunderts. Die Stadtansicht von Braun und Hogenberg von 1618 gewährt einen Gesamtanblick der mittelalterlichen Befestigungen. Auf diesem Gemälde beruht ein Modell des mittelalterlichen Posen im Maßstab 1:150, das im Untergeschoß des Franziskanerklosters gezeigt wird. Im 17. und 18. Jahrhundert verloren die Stadtmauern ihre einstige militärische Bedeutung. Die teilweise im Zuge von Kriegshandlungen zerstörten Mauern wurden von Fall zu Fall ausgebessert und mit zusätzlichen Befestigungen verstärkt, aber sie hemmten die Stadtentwicklung. Deshalb begannen die Preußen 1797 mit ihrem Abriß. Dieser zog sich bis Mitte des 19. Jahrhunderts hin.

Heute sind nur noch geringe Reste der einstigen Wehranlagen zu sehen. Das bekannteste erhaltene Fragment der Stadtmauer ist der  Turm an der Ecke der ul. Masztalarska und ul. 23 Lutego. Die Dicke der Mauern erreicht 1,5 Meter,  der Innendurchmesser beträgt 8,5 und die Höhe 6 Meter. Die Mauer ist von acht Schießscharten durchbrochen. Vom Hof der Feuerwache an der ul. Wolnica aus kann man ein vor kurzem entdecktes und teilweise rekonstruiertes Fragment der inneren Mauer und den Katharinerinnenturm sehen. Dieser Turm hat sich bis heute erhalten, nur weil er in kirchlichem Besitz stand und einen Teil  des Gebäudes auf dem Hof des früheren Katharinerinnen- und heutigen Salesianerklosters bildete. Die denkmalpflegerischen Arbeiten der letzten Jahre erlauben es heute, den Innenhof der Feuerwache zu betreten und den Turm sowie die rekonstruierten Fragmente der Stadtmauer in voller Schönheit in Augenschein zu nehmen. Ein Fragment der Außenmauer hat sich auch an der ul. Ludgardy erhalten. Ein weiterer Mauerrest mit Schießscharten ist zwischen dem Chopin-Park und der ul. Wrocławska (hier stand einst das Stadttor in Richtung Breslau) erhalten. Dieser Mauerteil wurde im 18. Jahrhundert etwas südlich der mittelalterlichen Mauer errichtet, die beim Bau der Klosteranlage der Jesuiten abgerissen worden war. Auf der ul. Wrocławska markieren rote Pflastersteine den einstigen Verlauf der mittelalterlichen Stadtmauer. Ähnliche Markierungen mit rotem Pflasterstein kennzeichnen den Verlauf der Stadtmauer auch auf anderen Straßen, z.B. den Straßen ul. Jaskółcza, Paderewskiego, Szkolna, Wroniecka, Wielka und Wodna. Die ul. Murna (Mauergasse) wurde auf der Linie der einstigen Innenmauer angelegt. Auch die Straße Aleje Marcinkowskiego zeugt vom Verlauf der einstigen Stadtmauer - sie stellt nämlich die erste öffentliche Promenade auf polnischem Gebiet dar, die im Westen der Altstadt nach dem Abriß eines Teils der mittelalterlichen Mauer angelegt wurde.

Die mittelalterlichen Mauern wurden zwar ab Ende des 18. Jahrhunderts als Hindernis der Stadtentwicklung abgerissen; jedoch schon ab Mitte des 19. Jahrhunderts begann die preußische Besatzungsmacht, Posen zu einer der größten Festungen des preußischen Staates auszubauen. Es entstand damals eine Polygonalfestung, die nach mehreren Jahrzehnten um einen  Gürtel von vorgelagerten Forts erweitert wurde.

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